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Brand in der Schule | Die Gedanken einer Mutter

Berlin, 11. Februar: du bist vertieft in die Arbeit, trinkst einen Schluck Kaffee und plötzlich fällt es dir schwer zu atmen, denn du siehst die Nummer auf dem Display. Die Nummer ist neu, noch nicht eingespeichert, die Vorwahl jedoch ruft ein merkwürdiges Gefühl in der Magengrube hervor. Wenn die Schule mitten am Tag anruft, kann das meistens nur etwas Schlimmes bedeuten, jemand wurde verletzt, hat etwas angestellt…

Noch einmal tief durchgeatmet, drückte ich auf den grünen Hörer meines Smartphones. Ich gehe meist mit meinem Nachnamen ran, wenn die Nummer unbekannt oder offiziell erscheint. Am anderen Ende eine bekannte Stimme einer Erzieherin aus dem Hort. Sie redete ganz langsam, ruhig und entspannt, allerdings wirbelten die ausgesprochenen Worte etwas in meinem Bauch umher, dass mir ganz schlecht wurde, kalt, warm. „Sie sind die Mutter von XY?“ Ich nickte, bemerkte aber weiterhin die Stille und bestätigte mit einem zittrigen ja. „Heute hat es im Schulpavillon der Klasse XY gebrannt„…kurze Pause. Eine unerträgliche Pause, wenn du mich fragst. Feuer. Shit. Gebrannt! Verbrannt? Mein Kind. Was ist mit meinem Kind? „Alle Kinder konnten rechtzeitig aus dem Gebäude evakuiert werden, es wurde glücklicherweise keiner verletzt“ redete sie weiter. Eine Träne kullerte an meiner Wange herunter. Erleichtert hörte ich weiter zu. „Sie haben rasch das Gebäude verlassen, mussten aber alles zurücklassen, Schuhe, Jacken, Ranzen, Materialien, alles bis auf die Hausschuhe, die sie zu dem Zeitpunkt getragen haben.“ Ich glaube, ich habe erst jetzt am Gespräch so richtig teilgenommen. „Geht es meinem Sohn gut?“ wollte ich wissen. Sie beschrieb ihn zwar als ruhig, aber vermutete einen kleinen Schock da er doch weinte und zu mir wollte. Nicht nur bei ihm, denn alle Kinder haben etwas schreckliches erlebt was erstmal verarbeitet werden muss. „Wir rufen gerade erstmal alle Eltern an, wo wir wissen, dass die Kinder alleine nach Hause gehen. Denn wie gesagt die Jacken mussten zurückgelassen werden.“ Ich glaube, ich habe sie unterbrochen. Mir gingen gerade wahnsinnig viele Gedanken durch den Kopf. Soll ich in der WhatsApp Gruppe der Klasse etwas posten, hilft das? Kann ich vorbeikommen? Ich bin die einzelnen paar Schuhe in meinem Kopf durchgegangen. Die Jacken habe ich am Garderobenständer gesucht und gezählt. Ich weiß nicht mehr genau was ich gesagt habe, aber irgendwie ein Mix aus all meinen Gedanken. Sie sagte es wäre toll, wenn ich die Gruppe zusätzlich informieren könnte, aber bitte betonen soll, dass es den Kindern gut geht. Auch darf ich natürlich jetzt schon kommen und soll bitte Schuhe und eine Jacke mitbringen. Das Gespräch war damit beendet und ich stand völlig verwirrt im Flur mit einer Jacke in der Hand und meinem Handy in der anderen.

Ich sagte meinem Chef schnell Bescheid, denn meine oberste Priorität war es nun meinen Sohn zu sehen, ihn zu trösten, einfach da zu sein. Danach schrieb ich eine Nachricht an weitere Eltern der Klasse.

Achtung. Im Pavillion 1 hat es heute gebrannt. Es geht allen Kindern gut. Das ist schon mal schön zu hören. Der Hort hat mich gerade informiert, (sie rufen alle Eltern an), dass die Kinder so schnell wie möglich aus dem Gebäude evakuiert werden mussten und entsprechend ohne Jacken, Taschen o.ä nur mit Hausschuhen und was sie an hatten, draußen versammelt werden mussten. Wer sein Kind also heute abholt, denkt an Schuhe, denkt an eine Jacke. Und nochmal: es geht allen Kindern gut!

Im Nachhinein hätte ich die Nachricht anders geschrieben. Einfühlsamer. Lieber. Sie war doch eher kühl, informativ und erwartend. Ich nahm mir 3 paar Schuhe meines Sohnes, eine Jogginghose, eine Jacke und 2 dicke Pullis, stopfte alles in eine Tasche und machte mich auf dem Weg zum Auto. Ich fuhr los und weiß ehrlich gesagt nicht mal mehr, ob die Ampel rot oder grün war, ob ich noch warten musste oder ob der Weg frei war, ich bog in die Straße des Horts ab und ging langsam in das Gebäude. Dort erwartete mich bereits eine andere Mama. „Ohne deine Nachricht hätte ich nicht gewusst was los ist, so konnte ich noch schnell nach Hause und Sachen holen. Danke dir.“ In meinem Kopf abgehakt, „Nachricht war gut!“

Im Gang des Hortgebäudes redeten diverse Personen mit mir (Elternvertreterin), gaben mir Infos zu dem Verlauf, dass alles vernichtet werden muss, weil es kontaminiert ist und giftig wäre. Um Wertsachen (Schhlüssel, Handy, Fahrkarte…) zu erhalten, müssten sich die Eltern noch gedulden bis es weitere Informationen gibt. Ich suchte nach meinem Kind und fand ihn kartenspielend auf dem Teppich in der Mitte des Raumes. Ich zog ihm die Schuhe an, die Jacke, schaute nach den besten Freunden meines Sohnes, ob die versorgt oder schon abgeholt waren, und ging mit ihm zum Auto. Der Kindersitz war noch auf dem Beifahrersitz, weil es für die Rückfahrt von der Taufe am Sonntag sonst mit drei Erwachsenen, zwei Kindern im Auto nicht gepasst hätte, also freute er sich und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Noch bevor ich mich anschnallte umarmte ich ihn wie verrückt. Ich fragte wie es ihm ginge, drückte ihn und gab ihm zahlreiche Küsse. „Ich wollte zu dir Mama!“

Im Auto auf dem Weg zu einem Café sagte er, dass er seine Sachen vermisst. Alles was im Ranzen war, der Schulranzen, seine Federtasche, die Jacke, Schuhe…einfach alles. Er hatte sich alles alleine ausgesucht, denn die Einschulung ist ja gerade mal 1,5 Jahre her, die Sachen bis auf vereinzelte Stifte, die zwischendurch ersetzt wurden, waren noch heil und einwandfrei. Mir waren die Sachen in diesem Moment völlig egal. „Maus, dir ist nichts passiert, die Sachen kann ich neu kaufen, dich nicht.“

Die Sachen sind mit einer Rußschicht belegt und wurden bereits vom Schulamt entsorgt

Ich belohnte ihn mit einem Cookie, mich mit einem Cappuccino und traf dort noch auf meinen Lieblingsmenschen zum Schnattern und Verarbeiten. Ihr Sohn ist auch in der Klasse, die beiden sind dann schnell auf den Spielplatz gegenüber des Cafés gelaufen und wir konnten kurz durchatmen.

Die nächsten Tage waren turbulent. Wo findet nun der Unterricht statt? Wie kann so ein Feuer ausbrechen? Was passiert mit den Klamotten? Wer ersetzt einem die Sachen? Welche Versicherung tritt hier in Kraft? Die Eltern haben sich in der Gruppe wahnsinnig ausgetauscht. „Ich reiche die neuen Belege bei der Hausratversicherung ein“, schrieben einige. „Bis die Schule zu potte kommt, ist Herbst.“ „Ich durfte den Ranzen heute anschauen, Wertsachen rausnehmen und mich von ihm verabschieden, alles ist kontaminiert und wird schnellstmöglich entsorgt.“ „Die Sportsachen waren ja auch im Pavillon!“ realisierte eine Mutter.

Ich ging in meinem Kopf die Gegenstände und Sachen meines Sohnes durch. Es schien als wäre es die Einschulungscheckliste sowie Schulranzen und -taschen, Schuhe und Jacken, die ich nun ersetzen musste. Was das für ein Schaden ist!? Wer macht denn so etwas in einer Schule? Vier Klassen mit je knapp 30 Schülern sind betroffen. 120 Schüler, deren Sachen, die Stühle, Tafeln, Tische, Lernmaterialien, Bücher…Wahnsinn! Wer kommt für so einen großen Schaden auf!? Das ist doch verrückt.


Mama schreibt ’ne Liste

  • Schulranzen
  • Federtasche
  • Federmappe
  • Winterjacke
  • Schuhe
  • Sporttasche
  • Sportschuhe
  • Sportkleidung
  • Trinkflasche
  • Lunchbox
  • Warnweste
  • Buntstifte dick
  • Buntstifte dünn
  • Bleistifte
  • Radierstift
  • Radiergummi
  • Schwere
  • Klebstift
  • Kreidekasten
  • Tuschkasten
  • Lineal
  • SOS Armband
  • Kinderuhr
  • Hefter
  • Die Schulhefte inkl. Fortschritt
  • Ein paar Socken (falls mal die Füße nass werden)
  • Postmappe
  • Elternheft Hort
  • Elternheft Schule

Ich bin dankbar, dass meinem Sohn nichts passiert ist, dass ich ihn weiterhin abends mit einem Gute Nacht Kuss in den Schlaf begleiten und ihn morgens mit einem Kuss und Umarmung in den Tag begrüßen darf. Ich bin dankbar, dass wir so eine tolle Beziehung zu einander haben, er den sehnlichsten Wunsch hat, dass ich komme und ihn aus dieser Situation befreie. Ich bin seine Retterin, wie er es kurz sagte.

Autor:

Schreib' es dir schnell auf bevor ein Kind kommt und du vergessen hast, was du eigentlich wolltest...