Veröffentlicht in mama schreibt ne liste

Wie mich der Wutanfall meiner Tochter in der Öffentlichkeit zur gewaltfreien Kommunikation führte

Manchmal muss etwas schlimmes passieren, damit sich etwas ändert. „Schlimm“ klingt als Wort gerade hart, keine Sorge, es ist Gott sei Dank nichts passiert, aber da hatte meine Tochter schlichtweg einen Schutzengel an ihrer Seite. Wovon ich spreche? Ich hole mal kurz aus.

Vor zwei Wochen kam es wohl zudem heftigsten öffentlichen Wutanfall meiner Tochter, den ich bisher miterlebt habe. Kurze Zwischen-Info: sie wird im Februar 5 Jahre alt. Schreien, schimpfen, stampfen, Dinge umherwerfen, beleidigen, kannte ich bisher, nichts neues. Der Grund für diesen Ausraster war, dass ich am Hausaufgabentag meines Sohnes nicht mit den Kindern auf den Spielplatz gegangen bin. Ich habe meine Entscheidung erklärt, habe Alternativen geboten, aber schlussendlich war es trotzdem blöd. So blöd, dass geschimpft, gestampft und gehauen wurde. Sogar die Jacke wurde auf den Gehweg geworfen. Doch während ich bei der Jacke stehen blieb, lief sie weiter. Und weiter. Ich musste nach einer gewissen Zeit nachgeben, weil ich sichergehen wollte, dass sie nicht irgendwas blödes macht. Ich verlor auf dem Weg zu ihr das Vertrauen in meine Tochter. Meine Entscheidung tat ihr so sehr weh, dass sie schlichtweg „machen wollte was SIE will“, wie sie es ausdrückte. Sie ging nämlich auf die Straße und blieb dort stehen. Ihr Bruder, der ihr mit dem Fahrrad hinterher fuhr, zog sie zurück auf den Gehweg. Jetzt kannst du dir sicherlich vorstellen, was ich gemacht habe, als ich an der Szene angekommen bin….

Die Reaktionen der Mitmenschen

Ich habe geschimpft. Ich war nicht laut, nicht weil wir Zuschauer hatten, sondern weil ich schon so sauer und enttäuscht war, dass ich am liebsten hätte auf die Knie sinken und weinen wollen. Stimmungsseitig war ich bereits weit über dem Schrei-Modus. Eine Mutter saß stillend auf der Bank und beobachtete das Spektakel. Eine weitere lief mit ihren zwei staunenden Kindern auf der anderen Straßenseite. Alle beide hatten den gleichen Blick. „Jetzt greif doch mal durch!“, „So lässt du mit dir sprechen?“ Ich hab die Blicke ignoriert, ich habe mich voll und ganz auf meine Tochter konzentriert, war aber einfach am Ende mit den Nerven. Ich hätte wahrscheinlich mit all den anderen Themen (schreien, schimpfen…) in irgendeiner Form leben können, aber die Tatsache, dass meine Tochter einfach so vor Wut über die Straße läuft und sich in ernsthafte Gefahr bringt, nur um einen Punkt durchzusetzen – das hat mich doch stark erschüttert und zum Nachdenken gebracht. Was ist in ihr vorgefallen, dass sie so einen Schritt gegangen ist? Sie ist noch NIE über den Bürgersteigrand hinaus gelaufen, noch NIE!

Ich bin hier das Problem. Nicht meine Tochter, nicht mein Sohn, nicht der Tag selbst, nicht die Bedingungen, auch nicht meine Entscheidung. Nur ich. Ein gewisser Reiz in meiner Stimme, eine Anspannung, eine leichte Bedrohung, eine falsche Erklärung sorgte für diesen Wutanfall. Die Art und Weise wie ich redete, wie ich mich ausdrückte – das war das Problem.

Gewaltfreie Kommunikation implementieren

So unterhielt ich mich auf einem Blogger Event mit zwei fantastischen Müttern, die das Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ bereits fest in ihrem Alltag implementiert haben. Die eine lebt seit über 10 Jahren „gewaltfrei“. Ich selbst konnte mir das nicht so richtig vorstellen. Aber vorstellen heißt nicht, dass ich es nicht probieren kann. Einige Tage später führte mich der Tipp Podcasts zu hören zu Kathy Webers „FamilieVerstehen“ Hör-Reihe. Die Art und Weise wie sie spricht, beruhigt mich, das wusste ich bereits in den ersten paar Sekunden. Die Beispiele, die sie nennt, kommen gefühlt direkt aus meinem Alltag. So hatte ich mir also die erste Folge ihres GFK (Gewaltfreie Kommunikation) ABCs angehört. Die Folge mit dem Buchstaben A, A wie ABER und AKZEPTANZ. Auf dem Weg zur Kita hörte ich bei einem kleinen Spaziergang auch gleich die zweite Folge – B wie Bestrafung und Belohnung. Wenn du mir schon länger folgst, kennst du meinen Blogartikel zum Thema Belohnungstafel und wie ich meine Kinder motiviere im Haushalt mitzuhelfen. Das ganze Thema muss ich dringend überdenken und wahrscheinlich schreibe ich den Artikel nochmal um bzw. füge die GFK Sicht noch einmal als Edit hinzu:P Denn das Thema Belohnung gibt es in der Gewaltfreien Kommunikation einfach nicht. Das ist aber nochmal ein anderes Thema. Ich habe mir also diese beiden Folgen angehört und für mich über Nacht verarbeitet.Ich brauche immer eine kurze Zeit um die gesagten Dinge sacken zu lassen, auch für die Selbstreflexion.

Eine Szene, zwei Optionen

Abends wollte meine Tochter nicht schlafen gehen. Es war bereits 20.30 Uhr und die Bettzeit längst überschritten. Sie strampelte im Bett herum, verwüstete ihr Zimmer, warf die Bettwäsche vom Hochbett runter und machte mir das Leben schwer. Wir hatten schon gekuschelt, gelesen, eine kleine Serienfolge geschaut, aufgeräumt und trotzdem war es nicht genug bzw richtig. „Nein, ich will nicht schlafen!“ „Gut, ich muss jetzt aber arbeiten, gibst du mir noch einen Kuss?“, „Nein, schrie sie!“ Ich ging raus und fühlte mich irgendwie elend. Sie schlief schlussendlich nach 15 Minuten ein.

Ich schaffe es! Ab heute möchte ich gewaltfrei kommunizieren. So fing bei mir der nächste Tag an. Mich machten diese abwertenden Worte und häufig auftretenden Szenen mit meiner Tochter traurig. Wirklich tieftraurig. So versuchte ich auf meine Wortwahl zu achten. Z.B. habe ich sie aus der Kita abgeholt und wir sind zum Bäcker gegangen um eine Laugenstange o.ä. zu kaufen. Es war leider nur noch eine da und die Dame vor uns kaufte ausgerechnet die, auf die meine Tochter ein Auge geworfen hatte. Ich wartete bereits auf das Drama. „Mama, die Frau hat jetzt die Laugenstange!“ bemerkte sie enttäuschend.“Das macht dich jetzt traurig, oder?“ fing ich an „was können wir denn machen damit es dir besser geht?“ fragte ich. Ich war völlig gespannt, wie sie diesen Dialog – diese gewaltfreie Kommunikation – aufnehmen würde, weil wir so ja in der Regel nicht gesprochen haben. „Wir könnten doch ein Rosinenbrötchen kaufen“ überraschte sie mich. Mein Herz ging auf, das Konfliktpotenzial sank gen null und ich war so stolz. Den kompletten Nachmittag spielten wir gelassen zu zweit, während mein Großer bei einem Freund spielte. Sie stellte sich zum Kartenspielen einen kleinen Becher Wasser hin und stieß ihn – wie von mir erwartet – mit dem Ellenbogen um. Normalerweise würde ich etwas lauter werden, weil ich 100 Mal am Tag sage, dass der Becher zu nah am Rand steht und mich das nach dem 99. Mal tierisch nervt. Heute schaute sie mich an und erwartete genau das – Gemecker von der Mama. Heute überraschte ich sie aber und sagte „Dass der Becher umgekippt ist, enttäuscht dich oder?“, sie nickte. „Was könntest du denn zukünftig machen, damit das vielleicht nicht mehr passiert?“ fragte ich sie. Sie kam selbst auf die Lösung, ohne dass ich ihr etwas vorschreiben oder vorsagen musste. Wir beide hatten ein tolles Gefühl und Verständnis für den jeweils anderen. Abends hatte ich schon etwas Angst. 19:40 Uhr, Schlafenszeit. Auch an dem zweiten Abend haben wir gelesen, gekuschelt, geknutscht und vom Tag erzählt. Nun wollte ich in meinen verdienten Feierabend gehen, doch sie sagte sofort „ich will nicht schlafen!“. Anders als am Vortag entschied ich mich dazu, die Frage anders zu formulieren. „Du möchtest sicherlich noch wach bleiben und dir die Bilder im Buch weiter anschauen, oder?“ fragte ich. Es entstand ein kleines Gespräch in dem sie verdeutlichte, dass sie sich einfach noch nicht so recht entscheiden konnte auf welcher Seite sie schlafen möchte ob links oder rechts, ob mit dem Kissen oder ohne. Gemeinsam bestückten wir das Bett neu, mal links, mal rechts. Ich unterstütze Sie wo ich nur konnte und sage und schreibe 3 Minuten später war das Thema auch beendet und sie wollte schlafen. Das war ein zauberhafter und harmonischer Tag, der auch wirklich traumhaft endete.



Es kommen sicherlich auch wieder andere Tage, aber wir haben seit Dienstagabend nicht mehr gestritten. Das ist schon mal eine für uns lange Zeitspanne ohne Streit und Stress. Ich bin echt glücklich. Deine

Ps. Wenn du noch mehr über die GFK erfahren möchtest, ließ ruhig weiter:-)

GFK – eine Überleitung zu meiner Gefühlswelt und Listen zum Download.

Ich befinde mich noch in der Lernphase, ich durchforste das Internet, lese mir Blogartikel durch, höre mir Podcasts an und bin noch immer nicht am Ziel angelangt. Das Thema GFK ist auch ein sehr umfangreiches, sodass mein Learning hier wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Du wirst ähnlich erstaunt sein, wie ich, wenn du dir folgende Listen ansiehst. „Meine Güte, wie viele Gefühle gibt es denn“ war meine erste Reaktion. Ich bin gespannt, welche Gefühlsbezeichnungen dir häufig über den Weg laufen.. 

Echte, unechte Gefühle spürst du dann, wenn ein bestimmtes Bedürfnisse erfüllt wird oder auch nicht. Doch was sind eigentlich Bedürfnisse?

Merkmale von Bedürfnissen

  • Bedürfnisse sind unabhängig vom Ort, von einer bestimmten Zeit oder einer bestimmten Person.
  • Ein Bedürfnis wird meist formuliert als „Ich brauche…“, „Mir ist wichtig…“
  • Der Ursprung unserer Gefühle sind erfüllte bzw. unerfüllte Bedürfnisse

Ein Gefühl drückt man häufig mit dem Satz „Ich bin…“ aus. „Ich bin wütend“…“Ich bin enttäuscht“. Doch sagt man „Ich bin zurückgesetzt“ so handelt es sich hierbei nicht um ein echtes Gefühl. Deshalb sind die Gefühlsbezeichnungen in unterschiedliche Bereiche eingeteilt: 1. Echte Gefühle, wenn die Bedürfnisse erfüllt sind, 2. Echte Gefühle, wenn die Bedürfnisse nicht erfüllt sind und 3. Unechte Gefühle (mentale/pseudo Gefühle).

Weitere Listen findest du bei Lichtkreis, sowie die Erläuterung zum Grundgedanken GFK von Rosenberg.

Autor:

Schreib' es dir schnell auf bevor ein Kind kommt und du vergessen hast, was du eigentlich wolltest...

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